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Folgeseite-Rettungstag
Freiflug für Schwergewichte
Mitarbeiter des Rot-Kreuz-Kreisverbands Schwäbisch Hall-Crailsheim üben mit der Haller Feuerwehr, adipöse Patienten würdevoll aus Wohnungen zu retten
Aufsehen erregt die Fortbildung des DRK in Hessental: Die große Drehleiter der Haller Feuerwehr ist vor einem leerstehenden Wohnhaus aufgebaut. Dicke Seile baumeln vom Leiterpark herab. "Was machen die denn da?", fragt ein Mädchen.
Das erklärt sich kurze Zeit später von selbst. Helfer des Roten Kreuzes schieben vorsichtig eine Wanne aus dem Fenster im vierten Stock. Sie ist an den Seilen befestigt. Langsam wird sie herab gelassen.
In der Wanne liegt allerdings keine Mensch - lediglich eine schwere Puppe. Doch die erfüllt den Zweck auch - denn dem DRK geht es um die Zusammenarbeit, wenn es um die Rettung schwergewichtiger Menschen aus ihren Wohnungen geht. Und die bekommen dann oft einen "Freiflug" aus dem Fenster mit Hilfe der örtlichen Feuerwehr. "Ab 160 Kilo sind diese Menschen leider oft nicht mehr nach unten zu tragen", weiß Heiko Weindrich. Für den Rettungsdienstleiter (RDL) des DRK ist solch eine Fortbildung für seine Mitarbeiter besonders wichtig: "Wir lernen, wie die Zusammenarbeit mit der Feuerwehr gut klappen kann."
Die Haller Feuerwehrleute unterstützen das DRK gerne - nicht nur bei echten Notfällen, auch bei Fortbildungen. "So sehen die Mitarbeiter des Roten Kreuz, welche Möglichkeiten die Feuerwehren im Landkreis Hall haben", sagt der Haller Stadtbrandmeister Volker Damm, der mit seinen Männern den Lehrgang begleitet. Mitarbeiter des Rettungsdienstes, Freiwillige im sozialen Jahr und Zivildienstleistende des DRK - insgesamt rund 20 Lehrgangsteilnehmer - erfahren so, welches Gerät auf den großen roten Fahrzeugen verladen ist, um diese spezielle Art der Hilfe zu leisten.
Der Lehrgang ist nötig geworden, weil das DRK im Landkreis immer häufiger mit Adipositas-Erkrankten zu tun hat. "Acht Fälle im Jahr sind es bestimmt", meint Weindrich. Das Problem: Patient und das Personal, das zum Tragen benötigt wird, passen oft nicht gleichzeitig durchs Treppenhaus. "Auch die Tragkraft der Treppen reicht für Patient und alle Helfer nicht immer aus", so der Rettungsdienstleiter. Auch das Material, das dem DRK zur Verfügung steht, ist nicht auf Schwergewichte ausgelegt. "Die normalen Tragen halten nur 160 Kilogramm aus", erklärt der Fachmann vom DRK.
Immerhin: In den Rettungswagen können Menschen mit einem Gewicht bis rund 220 Kilogramm transportiert werden, so dass nicht auch noch ein besonderer Transporter nötig ist. Mühe bereitet es nur, die Leute bis zur Straße zu bringen. "Wir ziehen notfalls zwei Fahrzeuge mit ihrer Besatzung zusammen. Aber wenn das nicht ausreicht, muss eben die Feuerwehr als örtliche Helfer her", sagt Weindrich.
Die Haller Wehr hat seit drei Jahren eine Gruppe "Absturzsicherung", die sich auch um diese speziellen Fälle kümmert. "Sechs Feuerwehrleute sind bei uns dafür eigens ausgebildet worden", berichtet Damm. Mindestens ein Helfer aus dieser Gruppe muss dabei sein, wenn die schwergewichtigen Menschen transportiert werden. Sie werden von den anderen Haller Mannschaftsmitgliedern, die in ihrer Grundausbildung ohnehin ein Kapitel zur Sicherung von Menschen an Seilen erlernt hatten, unterstützt
Die Art der Rettung, die die Feuerwehr anbieten kann, ist verschieden. Über ein so genanntes Dreibein, quasi ein Flaschenzug an einem Gestell, kann die Rettungswanne abgeseilt werden. Auch die Drehleiter, von denen es im Haller Landkreis vier gibt, kann ein wichtiges Hilfsmittel sein. Auf den Korb des Haller Models kann eine Trage befestigt werden, auf der ein bis zu 200 Kilogramm schwerer Mensch aus dem Fenster bis auf den Boden transportiert werden kann. Rollen, die an der Spitze der Leiter angebracht werden können, dienen zum Umlenken von Seilen: Auf diese Weise können bis zu 400 Kilo sicher befördert werden.
"Das einzige Problem ist, dass die Patienten während dieses Transports rund zwei Minuten lang nicht versorgt werden können", gibt Weindrich zu bedenken. Deshalb müsse in der Wohnung vorher alles getan werden, um den Erkrankten oder Verletzten für die Rettung aus dem Fenster vorzubereiten.
Diese Art der Rettung sei aber immer noch besser, als wenn das Schwergewicht wegen der großen Last mit einem Tragetuch durch das Treppenhaus gewuchtet werden müsste. "Vor allem für den Patienten, denn wir wollen ihn ja auch würdevoll behandeln", betont der Rettungsdienstleiter - und Damm stimmt ihm zu. Der Stadtbrandmeister kann den Patienten schnelle Hilfe bieten: Sind die Helfer erst einmal vor Ort, dauert es meistens nur zehn Minuten ehe alles so weit aufgebaut ist, um die Rettung zu beginnen.
Ein Problem ist, dass die Menschen sich auf solch einen Notfall nicht vorbereiten können. "Die einzige Lösung ist eine Wohnung im Erdgeschoss", so Damms nicht ganz ernst gemeinter Ratschlag.
Dass der Anteil schwerer Patienten zunimmt, vermutet Dr. Colin Uhle vom Adipositas-Zentrum des Haller Diakoniekrankenhauses. "Besonders in der Zeit von 2005 bis 2008 gab es eine deutliche Tendenz zu höherem Gewicht", so der Mediziner. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO schlage Alarm, was die Zunahme schwergewichtiger Europäer angehe. Genaue Zahlen aus dem Landkreis hat Colin Uhle nicht, er spüre aber die Zunahme in seinem täglichen Geschäft. "Eine Rettung solcher Patienten ist immer eine Herausforderung", so die Erfahrung des Arztes. "Und dafür wollen wir gerüstet sein", sagt Heiko Weindrich.
Text: Haller Tagblatt (Oliver Färber)
Bilder: FF Schwäbisch Hall








