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Die Haller Sieder

Salzsieder in Festtagstracht neben dem Haalbrunnen, 18. Jahrhundert

So wie die Salzgewinnung in der Saline über Jahrhunderte eine zentrale Rolle für die Geschichte Schwäbisch Halls spielte, haben auch die Salzsieder die Stadt geprägt. Die Eigentumsrechte an der Saline lagen bei den sogenannten "Lehensherren" (u.a. der Rat der Stadt, Familien des gehobenen Bürgertums, aber auch geistliche Einrichtungen und Adelige). Die Sieder, ursprünglich wohl unfreie Knechte, pachteten von den Lehensherren deren Anteile an der Saline (sogenannte "Sieden") und stellten das Salz her. Im Lauf der Zeit entwickelten sich eine Art Untereigentum der Sieder. Ab dem 14. Jahrhundert gab es die sogenannte "Erbleihe", was bedeutete, dass Siedensrechte von den Lehensherren dauerhaft an einen Sieder und seine Nachkommen übergeben wurden.

Der Große Siedershof auf einer Postkarte um 1900

Das Salzsieden war eine harte Arbeit, die Sole (das salzhaltige Wasser) wurde aus dem Haalbrunnen geschöpft. In den in den Siedehütten im Haal (dem heutigen Haalplatz) stehenden großen, eisernen Pfannen erhitzten die Sieder die Sole, bis das Wasser verdampft war und das Salz zurückblieb. Die Sieder bildeten einen erheblichen Teil der Bürgerschaft und stellten bei Konflikten den Kern des militärischen Aufgebots der Stadt. Selbstbewusstsein und Streitlust der Sieder werden auch in den Prozessen deutlich, die sie gegen den Haller Rat anstrengten, u.a. wegen angeblicher "Vetternwirtschaft". Im Jahr 1501 ist erstmals ein "Kuchen vor die Siedersgesellen" und damit zum ersten Mal auch der "Hof" (d.h. das Fest) der Salzsiederburschen erwähnt, aus dem sich das heutige Kuchen- und Brunnenfest entwickelt hat. Der Legende zufolge soll die Kuchengabe daher rühren, dass die Salzsieder 1316 einen Brand der Dorfmühle gelöscht haben. Wahrscheinlich handelt es sich aber um ein Zunftfest, das durchaus um 1500 entstanden sein könnte. Für die gelegentlich anzutreffende Vermutung, dass im Salzsiederbrauchtum vorchristliche, sogar keltische Traditionen weiterleben, gibt es keine Anhaltspunkte.

Der im Stil des 18. Jahrhunderts kostümierte Kleine Siedershof auf einer Postkarte um 1900

Nach dem Ende der Reichsstadt 1802 erzwang der württembergische Staat 1804 die Übertragung der Eigentumsrechte an die Krone. Viele der alten Siederfamilien mussten sich nun andere Berufe suchen. Nach langwierigen Prozessen einigte man sich auf 1827 auf eine Entschädigung durch "ewige" Renten, die bis heute ausbezahlt werden, aber durch Inflation und Währungsreform ihren Wert verloren haben. Die Eigentumsrechte an der Saline gingen mit diesem Vergleich endgültig auf das Königreich Württemberg über, das bis 1835 eine neue Saline außerhalb der Altstadt im Bereich der Salinenstraße errichtete.

Salzsieder als Werbefigur für den Tourismus, 1930er Jahre

Mit dem Ende der Reichsstadt endete zunächst auch das Brauchtum der Sieder, bis es 1862 zur Einweihung der Eisenbahnlinie Heilbronn-Schwäbisch Hall wieder belebt wurde. Bereits 1878 entstand der "Kleine Siedershof", 1883 gründete man im Zusammenhang mit einem Festumzug den "Großen Siedershof". Im Hintergrund standen die Geschichtsbegeisterung jener Zeit, aber auch die Entwicklung Halls zur Kurstadt und die Attraktivität der Salzsiedertradition für die Tourismuswerbung. Aus der Aufführung von historischen Theaterstücken ab 1907 entwickelte sich das Kuchen- und Brunnenfest an Pfingsten, bei dem man sich an Festordnungen des 18. Jahrhunderts orientiert.