Neuerwerbungen
Über ein Antiquariat hat das Stadtarchiv ein Konvolut an Dissertationen des 17. und 18. Jahrhunderts erworben, die von Studenten aus Schwäbisch Hall verfasst wurden. Die Veröffentlichung der Doktorarbeit im Druck war (und ist bis heute) eine Voraussetzung für die Berechtigung zur Führung des Doktortitels. Da die Auflagen klein waren, haben sich oft nur wenige Exemplare erhalten. Die auf Latein abgefassten Texte sind interessante wissenschaftsgeschichtliche Quellen und zeigen unter anderem auch, wo Bürgersöhne aus Schwäbisch Hall studiert haben. Neben geografisch nahe liegenden Universitäten wie Tübingen, Altdorf bei Nürnberg und Erlangen ist Jena ein Beispiel für größere Distanzen. Zu dieser kleinen Sammlung gehört unter anderem die in Altdorf vorgelegte medizinische Dissertation Johann Heinrich Bonhöffers (1730-1796). Der Sohn eines in Maienfels amtierenden Pfarrers rückte zum "Physicus Ordinarius Senior" auf und stand damit der Ärzteschaft der Reichsstadt Schwäbisch Hall vor. Er ist als Ur-Ur-Urgroßvater ein direkter Vorfahre des bedeutenden protestantischen Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), der 1945 von der SS wegen seiner Beteiligung am Widerstand gegen die Hitler-Diktatur ermordet wurde. Wilhelm Friedrich Hufnagel (1754-1830), dessen 1777 in Erlangen gedruckte theologische Dissertation ebenfalls vorliegt, machte eine beachtliche Karriere. Er wurde 1779 in Erlangen zum Professor berufen, 1786 zum Rektor der Universität. 1791 erhielt Hufnagel einen Ruf nach Frankfurt am Main zum Senior des "Predigerministeriums". In dieser Funktion betätigte er sich unter anderem als Schulreformer und setzte sich nachdrücklich für die Judenemanzipation ein. Hufnagel nahm aktiv am politischen und geistigen Leben der Reichsstadt Frankfurt teil und wird von Catharina Elisabeth Goethe, der Mutter Johann Wolfgang Goethes, als leidenschaftlicher und mitreißender, wenngleich etwas „überspannter“ Prediger geschildert. Bemerkenswerterweise gibt es auch bei Hufnagel einen Bezug zu Dietrich Bonhoeffer. Seine jüngere Schwester Anna Maria Rosine Bonhöffer geb. Hufnagel (1756-1837) war mit dem Arzt Dr. Johann Friedrich Bonhöffer (1754-1809) verheiratet, einem Sohn des oben erwähnten Dr. Johann Heinrich Bonhöffer. Sie ist damit Ur-Urgroßmutter des 1906 in Breslau geborenen Theologen, der Bruder ein Ur-Urgroßonkel. Die Vorfahren Dietrich Bonhoeffers sind ein gutes Beispiel für das dichte Netzwerk verwandtschaftlicher Beziehungen, die die Angehörigen der reichsstädtischen Oberschicht miteinander verband - im Stammbaum des Theologen finden sich zahlreiche Familien, die teis über Jahrhunderte die Geschicke der Stadt gesteuert haben, etwa die Seifferheld, Hezel, Beyschlag, Schragmüller, Firnhaber, Dötschmann, Romig, Blinzig, Haspel, Gräter, Wibel, Schübelin, Ludewig oder Vogelmann (11/2023).
Die evangelischen Gesangbücher für das Königreich Württemberg aus dem 19. Jahrhundert sind nichts ungewöhnliches. Zusammen mit Gebetbüchern und der Bibel gehören sie zu den am häufigsten anzutreffenden Büchern in Privatbesitz und haben sich entsprechend oft erhalten. Fast jedes Mitglied der evangelischen Landeskirche im 19. und frühen 20. Jahrhundert besaß ein Gesangbuch. Nicht selten wurden sie anlässlich der Konfirmation durch die Kirchengemeinde oder Angehörige überreicht und hatten aufwändige Schmuckeinbände. In den verschiedenen Beständen des Stadtarchivs befinden sich zahlreiche verschiedene Ausgaben in unterschiedlichen Ausfertigungen. Eine aus Privatbesitz als Schenkung hinzugekommene "Taschen-Ausgabe" des Württembergischen Gesangbuchs, die 1895 beim Komissionsverlag Chr. Scheufele in Stuttgart gedruckt wurde, hat eine auffällige Besonderheit. Am Lesebändchen ist eine kleine, durchbrochene Metallkapsel angebracht, die durch Aufschieben geöffnet werden kann. Sehr wahrscheinlich hatte sie die Funktion, Münzgeld für die während oder nach dem Gottesdienst eingesammelte Kollekte aufzunehmen. Wie häufig Gesangbücher auf diese Weise ausgestattet waren, ist nicht bekannt, ebenso wenig ist erkennbar, ob der Anhänger bereits durch die Druckerei oder erst im Nachhinein angebracht wurde. Kapseln dieser Art haben sich offenbar nur sehr selten erhalten. Es ist anzunehmen, dass sie - wenn es sie gab - oft abrissen und verloren gingen. Auch sonst ist der Band aufwändig geschmückt. Er hat einen Silberschnitt, einen Vorderdeckel mit aufgesetzten Schmuckelementen und der Abbildung eines Abendmahlskelchs. Dies zeigt den Wert, den die Besitzern diesen Druckwerken beimaßen. (10/2023).



